Hart Backbord - international seasongs and stories about salty dogs and the seven seas

Hartmut Emig, Künstlerische Vita


  • Geboren 1943 in Bremen
  • Nach der Schulzeit kaufmännische Lehre
  • Auf dem 2. Bildungsweg Musikpädagogik-Studium bei Ulrich Günther in Oldenburg
  • Nach dem Referendariat Tätigkeit in einer Plattenfirma
  • Produzent und Arrangeur von Langspielplatten mit Chormusik
  • Danach freiberuflich als Komponist, Chorleiter und Kulturpädagoge
     
  • 1992 bis 2006 hauptberuflich in der Musikabteilung der Kulturwerkstatt westend in Bremen
  • Zahlreiche Großprojekte im Bereich Musiktheater in Bremen, Musik für Schauspiel und Oratorien
  • Insgesamt 11 LP/CD-Produktionen für Chormusik
  • Zahlreiche Chorkompositionen und Arrangements im Verlag ERES Edition, Lilienthal

    Preise
  • 1984 „Villa Ichon-Kulturförderpreis“ in Bremen
  • 1989 Förderpreis des Valentin-Becker-Komponistenpreises für die Chorkomposition
    „Yenge/Nachbarin“

Einige ausgewählte Projekte der letzten Jahre

2011
Der Alte Matrose
Eine Ballade von S. T. Coleridge in der Nachdichtung von Rainer Iwersen mit Projektionen von 37 Lithographien von Gustav Doré Klaviermusik und vierstimmigen Klavierliedern von Franz Schubert
Idee und Konzept: Hartmut Emig
Inszenierung: Stephan Uhlig
Sprecher: Rainer Iwersen
Hye-Young Cho (Klavier), Margaret Hunter (Sopran), Annette Gutjahr (Alt),
Clemens C. Löschmann (Tenor), Ulrich Maier (Bass)
Aufführungen: Haus im Park und Kulturkirche Bremen

Thema und Inhalt
In den Jahren 1797/ 1798 schreibt der englische Frühromantiker S.T. Coleridge die Ballade vom Albatros-mordenden alten Matrosen, an dem sich die Natur auf schaurige Weise rächt.
Es ist seine Kritik an der Aufklärung, verstanden als willkürliche menschlich-männliche Herrschaft über die Natur. Diese Ballade - in einer Nachdichtung (1838) von Ferdinand Freiligrath - und die Lithographien (1866) des seinerzeit weltberühmten Lithographen Gustav Doré sind jetzt Gegenstand einer außergewöhnlichen aktuellen Inszenierung von Hartmut Emig und Stephan Uhlig. Zum Text, gelesen von Rainer Iwersen, werden Großprojektionen der Lithographien gezeigt. Zusätzlich werden die sieben Abschnitte der Ballade durch vierstimmige Klavierlieder von Franz Schubert gegliedert, verfremdet und gespiegelt.

2007
für die Arbeitnehmerkammer Bremen in Kooperation mit der Kulturwerkstatt westend mit Rolf Sänger-Diestelmeier, Pastor Immanuelgemeinde Walle
Tim Günther, Kirchenmusiker Immanuel – St. Stephani
Michael Zachcial, Musiker und Liedermacher
                     

Beggars Banquet


Thema und Inhalt
Das Projekt beschäftigte sich mit dem Prekariat – ein Leben in ungesicherten Verhältnissen. Prekäre sind nicht nur die Lidl–Verkäuferinnen, Ein-Euro-Jobber oder ALG-II- Bezieher und Wohnungslose, sondern auch Studenten, arbeitslose Akademiker im Dauerpraktikum und andere moderne Tagelöhner.
Das Motto des Homo precarius ist „Nichts ist mehr sicher“, denn mittlerweile kann selbst ein Arbeitsverhältnis eine prekäre Existenz erzeugen, und das möglicherweise für immer.
Die Prekarisierten versuchen sich auszudrücken in blumigen, gefühlsbetonten Protestformen; in Italien mit der Figur des erfundenen Heiligen San Precario und woanders in Europa in der Form von Mayday-Paraden (MAYDAY ist der Notruf im Funkverkehr-früher SOS).
Der  Kirchenaum Immanuell-Kapelle garantierte vorübergehend Asyl und die Unantastbarkeit des Menschen, sodass sich in ihm ein Symposion im ursprünglichen Sinn des Wortes als Gelage entwickeln kann. Dieses Gelage bot mit einem Festessen nicht nur gediegene Kulinarik sondern auch Informationen, Kunst und Musik in lustvoller Atmosphäre.
Fragen:
Wer ist reich und wer ist arm? Wem gehört die Stadt? Wer gehört zur Stadt? Bei wem sind wir eigentlich verschuldet? Wie können wir mit dem Zauberwort SHARE etwas verändern?
Prekarisierung ist natürlich nicht neu und hat eine Geschichte, die sich auch in Kunst und Musik widerspiegelt. Einen historisch bemerkenswerten Höhepunkt findet das in der Vagabunden-Bewegung der Weimarer Republik Ende der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Diese Bewegung wurzelte im Anarcho-Syndikalismus und ist von der„offiziellen“ Arbeiterbewegung immer als „lumpenproletarische“ Abweichung verurteilt worden. Gleichwohl entstand hier ein bedeutendes künstlerisches Schaffen. Hauptvertreter in der Bildenden Kunst war der vagabundierende Maler Hans Tombruck (1895-1966), der sehr stark von dem Vagabunden-Guru Gregor Gog (1891-1945) beeinflusst war. Die beiden gründeten mit Hans Bönninghausen und Gerhardt Bettermann die „Künstlergruppe der Bruderschaft der Vagabunden“ und veranstalteten 1929 den ersten internationalen Vagabundenkongress in Stuttgart, aufdem Gregor Gog die Parole ausgab: „Generalstreik das Leben lang“!

Auch in der Musik gibt es Vagabunden- und Kundenlieder. Spezialist für die Aufarbeitung und Aktualisierung von solchem Material ist Michael Zachcial, der für CD-Produktion dieser Art mehrfach mit dem Deutschen Schallplattenpreis ausgezeichnet wurde.  Zur musikalischen Realisation arbeiteten Michael Zachcial und Hartmut Emig zusammen. Es bildete sich ein Ensemble aus engagierten und begabten musikalischen Laien. Den Kern des Instrumentalen bildeten 4 Berufsmusiker.
Aufführung Im Saal der Volkshochschule Bremen

Symbolische Schirmherrschaft:
Die Bremer Stadtmusikanten
Die Bremer Stadtmusikanten sind das allen bekannte Symbol für Prekariat, viergealterte Individuen, die von ihren Arbeitgebern hinausgeworfen und sich selbstüberlassen werden. „Etwas besseres als den Tod finden wir überall“ korrespondiertmit Brechts „Haben wir beschlossen nunmehr schlechtes Leben mehr zu fürchten als den Tod!“

2006
„Ramblin’ Round! Mein Amerika!“
(Und nicht das von Bush und Konsorten, sondern das von Woody Guthrie,
Pete Seeger und Compagnons)
Songs von Woody Guthrie und Pete Seeger
Ein Projekt der Kulturwerkstatt westend

Thema und Inhalt:
John Hardy brachte einst einen Mann während eines Pokerspiels um. Warum wollen Menschen diese Story im Folksong immer wieder hören? Und warum die Arbeitsaufforderung „Take this Hammer“? Und die des Patriotismus verdächtige Zuweisung „This Land is Your Land“? Weil alles das spielt an einem gleichen Ort, in einer unsichtbaren Republik „Amerika“ mit einer speziellen Musik, der „American Folk Music“. Hier ist die Geschichte anders gespeichert als in der offiziellen Schreibung. Eine amerikanische Ballade erzählt nicht vom Präsidentschaftswahlkampf
sondern vom Attentat auf den Präsidenten, und die Eisenbahnstories werden von denen erzählt, die den Hammer geführt haben. Und weil diesen Getretenen und Geschlagenen nichts anders blieb als sich zu wehren und zurück zu schlagen lag der Weg in die gewerkschaftliche Organisierung (Union) nahe: „You Better Get Ready“...
„You Gotta Go Down And Join The Union“...und dann gibt es das „Union Feeling“ und vieleicht sogar die „Union Maid“ (alle Titel Woody Guthrie).
Pete Seeger gründete in den 40ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die legendären „Almanac Singers“ - gewissermaßen das Urbild aller engagierten Songgruppen, aber gleich von Anfang an mit einem fetzigen Groove auf professionellem Niveau.
Ohne diese entschiedene und engagierte Folkszene wäre ein Teil der amerikanischen und auch der europäischen Kultur- und Musikszene nicht möglich gewesen: Kein Woodstock in dieser Form und speziell der Einfluss Woody Guthries kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden: Ist er doch der Vater solcher Größen wie Bob Dylan, Joan Baez und Bruce Springsteen. Und auch Hannes Wader steht in seinen Talking-Blues-Stücken unmittelbar unter dem Einfluss Guthries.

Im Rahmen des übergeordneten Themas „Arbeit“ für Arbeitnehmerkammer und westend sollte es auch um historische Dimensionen von Arbeit und Kunst gehen. Hier ging es nun nicht um die deutsche Arbeiterbewegung, an deren kurze musikalische Blüte am Ende der 20ziger Jahre (Hanns Eisler und andere) nach 1945 nicht angeknüpft werden konnte. Vielmehr setzten sich die anglo-amerikanischen Einflüsse
in der fortschrittlichen Musikszene und Singebewegung durch, bis hin sogar zur FDJ – Singebewegung! Viele junge Musiker und Sänger faszinierte der neue Gestus, der mit dem Folkblues von Guthrie, Seeger und anderen daher kam.
Das Projekt sollte die Musik dieser Epoche wieder aufführen und in den historischen Zusammenhang stellen. Dabei sollte deutlich werden, dass Amerika und Teile seiner Musik Hoffnung und Anregung für unsere Kultur waren und sind. Pete Seeger und Woody Guthrie sind die Urväter des engagierten amerikanischen Folksongs.
Das Projekt beschäftigte sich mit der Musik und der Message der engagierten amerikanischen Folkmusik. Da gab es viel Unbekanntes und entschlossen Partei nehmendes zu entdecken; immer auf der Seite der Verarmten, Ausgegrenzten und Verfolgten.Und natürlich auch die heute noch weltbekannten Stücke aus dieser Songküche wie „This Land Is Your Land“, „Where Have All The Flowers Gone?“ oder „We Shall Overcome“ in neuen zeitgenössischen Gewändern.
Erstmals arbeiteten in diesem Projekt Mitglieder der Bremischen Gruppen „Argus“ (Wiebke Rendigs und Stephan Uhlig) und „Grenzgänger“ (Michael Zachcial und Jörg Fröse) mit bekannten Bremer Jazz- und Rockmusikern zusammen.

Mitwirkende:
Gesang: Wiebke Rendigs, Stephan Uhlig, Michael Zachcial, Hartmut Emig und Rolf Pahlke. Banjo, Fiddle, Mandoline: Jörg Fröse,
Gitarre: Peter Apel, Bass: Thomas Milowski
Schlagzeug: Martin Kruzig
Konzept und musikalische Leitung: Hartmut Emig
Aufführungen in derImmauel-Kapelle in Bremen

2005
CARMINA BURANA

Musik aus dem Mittelalter (nicht von Orff!!)
ABAELARD UND HELOISE
Szenische Lesung: Ein Leben zwischen Vernunft und Liebe
Lesung: Claudia und Uwe Seidel

Mitwirkende:
Barbara Boecker, Ines Lücke, Thomas Röhrs ,
Reinhard Grabs, Stephan Uhlig, Rolf Pahlke: Gesang
Tanja Peemöller: Flöten
Jan Grüter: Laute und Chitarrone
Claas B. Harders: Viola da Gamba
Uli Bösking: Violine
Peter Apel: E-Gitarre
Hilmar Kettwig: Keybord
Thomas Milowski: Bass
Martin Kruzig: Schlagwerk
Konzept und musikalische Leitung: Hartmut Emig

Das Projekt präsentierte die mittelalterlichen Originalmelodien der Carmina Burana aus
dem hohen Mittelalter. Und da gibt es alles, was denkbar ist: Erschütternde und
zeitkritische Lieder, anmutige Frühlingslieder und immer wieder Saufen, Fressen,
Spielen und Huren. Die Carmina wurde realisiert von einem zeitgemäß „tenorlastigen“
Gesangsensemble und einem Instrumentalensemble, das sich aus Spezialisten für
Alte Musik und modernen Jazz- und Rockmusikern zusammensetzt. Im Crossover
wurde die Musik zu heutigen Ausdrucksformen durchgereicht und natürlich wieder
zurück gebracht.
Dazwischen gibt es als szenische Lesung das mittelalterliche Liebesdrama von
Abaelard und Heloise. Der berühmte Philosoph und Kleriker verführte eine schöne
Schülerin und musste dafür unfreiwillig mit dem Verlust seines einschlägigen
Körperteils bezahlen. Der spätere Briefwechsel zwischen beiden gehört zur
Weltliteratur und wurde Anlass für zahlreiche Bilder, Romane und Theaterstücke bis
hin zum Hollywood-Schinken. Die beiden sind das erste „moderne“ Liebespaar der
Geschichte, denn dieses Paar stellt gleich am Anfang aller Emanzipation die Fragen
nach dem Recht der Menschen aufeinander jenseits aller Zwänge und Konventionen.

Aufführungen in Immanuel-Kapelle und Haus im Park Bremen

2002
„Vom Frühjahr, Öltank und vom Fliegen.
Futurismus in der Musik.“

1909 erschien das „Futuristische Manifest“ von Tommaso Marinetti in Italien. Es predigte den Hass auf die Vergangenheit, den Bruch aller Traditionen, die Destruktion, den Krieg und die ästhetische Erneuerung aller Lebensbereiche. Obwohl deutlich mit dem italienischen Prä-Faschismus verbunden, löste dieses Manifest eine Eruption in der europäischen Avantgarde aus, ganz besonders folgenreich in der
revolutionären Kunst Russlands.
In den letzten Jahren gab im Rahmen der historischen und aktuellen
Kunstdiskussion eine deutliche Wiederbelebung der Auseinandersetzung mit dem Futurismus. Dabei geht es einerseits um die historische Aufarbeitung des Themas in seinen unterschiedlichen europäischen Nuancen und um die Folgen für die Debatte Totalitarismus und Kunst.
Andererseits und zunehmend aber auch um die Beständigkeit einer futuristischen Unterströmung scheinbar jenseits von Ideologien bis in die heutige Zeit und in die Zukunft.

Da scheint es einen vulgärenAufbau-„Futurismus“ in den 50ger Jahren
gegeben zu haben, der im ästhetisierten Küchendesign von Colani und anderen seine Spur im Heutigen findet. Wie wenig diese Alltagskultur-Ästethik ihrer Zeit voraus ist zeigt Marinettis „Manifest der futuristischen Küche“ von 1930 (!): „Eine Ausstattung der Küche mit wissenschaftlichen Geräten: Ozonisatoren, Ultraviolettlampen, Elektrolyseure...“
Im Hollywood-Batman-Film von 1995 ist der Spielort „Gotham City“ architektonisch ein Widerschein von Konstruktivismus und europäischem und amerikanischem Futurismus; und der europäische Pop-Mainstream Techno als „Folge des technischen Fortschritts in der Tanzmusik und Disco-Ausstattungsindustrie“ wird von seinen Theoretikern aufgewertet als Avantgarde zwischen Superpop und Underground als Metapher der Modernisierung, erkennbar als Ökonomisierung der Freizeit durch Beschleunigung. Womit der Kreis zum brutalen Technik-Geschwindigkeitswahn der Futuristen schon fast geschlossen wäre. Ganz ähnliche Fortschrittsapologien findet man in der zeitgenössischen Computermusikszene, die sich bei dem Festival „Ars Electronica“ in Linz jährlich präsentiert. Deren Vertreter werden von dem Herausgeber des Buches „Luigi Russolo, Die Kunst der Geräusche“ (edition neue zeitschrift für musik, Schott 2000), Johannes Ullmaier, ganz ungeniert als die legitimen Nachfolger des italienischen Musikfuturisten bezeichnet.

Im Zentrum des Projektes stand die Aufführung der Kantate

„Vom Frühjahr, Öltank und vom Fliegen“ von Carl Orff nach Texten von Bert Brecht für gemischten Chor, drei Klaviere und Schlaginstrumente aus dem Jahr 1931.
Zeitgenössische Komponisten erstellten ausgehend von dem Stück eigene
Auseinandersetzungen mit dem Thema „Futurismus und Musik“, die
ebenfalls von dem Ensemble aufgeführt wurden. Die Komponisten mussten sich dabei an den vorhandenen Aufführungsapparat halten, konnten aber andere Texte benutzen.
Neue Beiträge:
1. Hartmut Emig ( mit einer Vertonung der „Ode an Singer“
(Nähmaschinen!) von Paul van Ostaijen
2. Peter Apel, Text N.N.
3. Elekronik- und Computertüftler, Text N.N.

Mitwirkende:
2 Pianisten, 3 Schlagzeuger (Profis)
Ein Projektchor mit erfahrenen Laien-SängerInnen
Aufführung in der Immanuel-Kapelle in Bremen

2000 und 2001
Das Erbe von al-Andalus
Spanisch-jüdisch-maurische Musik aus dem späten Mittelalter

Mitwirkende:
Der westendprojektchor
Ein Vokalensemble

Barbara Boecker Sopran
Tanja Peemöller Blockflöten
Jan Grüter Chitaronne
Jenny Westman Viola da gamba
Uli Bösking Viola
Gabriel Chamoun Ud (arabische Laute)
Peter Apel E-Gitarre
Eckart Petri Saxophon
Thomas Milowski Kontrabass
Günther Orendi Schlagzeug
Konzept und musikalische Leitung: Hartmut Emig
Aufführungen in Bremen: Immanuelkapelle, Friedenskirche und Schlachthof .
Abschlusskonzert des Festivals in Thedinghausen

Zum Konzept:
Die historische Situation
Im Jahre 711 setzten arabische Truppen von Nordafrika zur Iberischen Halbinsel
über. Sie überrannten in kürzester Zeit das hier bestehende, völlig marode und
zerstrittene westgotische Königreich. Nicht zuletzt die Juden in diesem zerbrochenen
Reich begrüßten die Eroberer; waren sie doch bei den Westgoten häufig scharfer
Verfolgung ausgesetzt. Diese neue muslimische Herrschaft erstreckte sich nun
beinahe über das gesamte Gebiet des heutigen Spanien, das sie mit dem arabischen
Wort „al-Andalus“ benannten. Dabei entwickelten die neuen Herrscher ein in
damaliger Zeit in Europa völlig einzigartiges Staatengebilde mit modernster
Landwirtschaft, ausgeprägten urbanen Strukturen in den Städten und einer
staunenswerten Ausbildung von Bildung, Wissenschaft und Kultur. Besonders die
Juden konnten hier profitieren, weil sie als Finanzfachkräfte in hohen Positionen in
der Administration wirkten. Darüber hinaus bildeten sie als Ärzte, Kaufleute und
begabte Handwerker so etwas, was man heute einen produktiven „Mittelstand“
nennt. Aber auch die Christen konnten sich nach gewissen Regeln in der Gesellschaft
entfalten, denn es galt nach dem Islam: Juden und Christen sind als Angehörige
einer sogenannten „Buchreligion“ als „dhimmi“ (Andersgläubige Schutzbefohlene) zu
akzeptieren und sogar zu schützen, sofern sie Muslime nicht angreifen. Natürlich
lebte dieses komplizierte Kulturengemisch nicht konfliktfrei; die drei
Bevölkerungsgruppen - Araber, Christen und Juden - vermischten sich nicht wirklich,
und es gab auch immer wieder Rückfälle in die Barberei. Im Großen und Ganzen
aber war in fast acht Jahrhunderten genügend Zeit, einzelne Kulturelemente zu
übernehmen oder auszutauschen.
Als 1492 Granada als letzte Bastion der islamischen Herrschaft fiel, befand sich die
Iberische Halbinsel in einer schwierigen Situation. Die christlichen Sieger der
Reconquistá hatten ihr europäisches feudales Gesellschaftsbild im Kopf, ein
Lehnssystem, das auf nicht selber zu bearbeitendem Großgrundbesitz fußte. Mit der
blühenden Bewässerungskunst der islamischen Garten- und Landwirtschaft konnten
sie ebenso wenig anfangen wie mit der prosperierenden Urbanität der Städte. Und so
war das neue katholische Staatengebilde im Grunde von Anfang an pleite. Aber die
Geschichte setzte noch eine besondere Pointe: Genau im Siegerjahr 1492 legte
Christoph Columbus mit seinen Entdeckungsreisen die Grundlage für die beispiellose
Ausplünderung Mittel- und Südamerikas, was den neuen Staat nur vorübergehend
stabilisieren konnte, denn die darauf folgende inflationäre Silberschwemme in Europa
brachte nur cirka 150 Jahre später den Zusammenbruch des spanischen Finanzwesens.
Die Elemente des Konzerts „Das Erbe von al-Andalus“
Im ausgehenden 15. Jahrhundert war die offizielle Musik in Zentraleuropa unter den
Begriff „Franko-flämische Vokalpolyphonie“ ein Bestandteil des gesamten
Ausdruckskanons der Spätgotik und ein akzeptierter gesamteuropäischer Stil. Wir
bringen ein Beispiel aus einer Messe des seinerzeit hochberühmten Meisters
Johannes Ockeghem, und mit Francisco de Peñalosa ist ein spanischer Meister
dieser Richtung vertreten. In der spanischen Kunstmusik vollzog sich in dieser Zeit
ein entscheidender Wandel. Die siegreichen Herrscher suchten eine eigene
musikalische Identität, und so stellten die „Katholischen Könige“ Isabella und
Ferdinand ausschließlich spanische Musiker für ihre Kapelle ein, die bald mit
sechsundvierzig Musikern die größte in ganz Europa war. Hier entstand durch die
Bewusstwerdung eigener Fähigkeiten ein neuer Stil, der sich stark an der Volksmusik
orientierte. Die Stücke wurden einfacher, aber keineswegs banaler, denn es gab eine
ganz neue Emotionalität und Ausdruckskraft. Der Hauptmeister dieser neuen Musik -
und auch bei uns im Programm am häufigsten vertreten - ist der Literat und
Komponist Juan del Encina. Trotz aller Rückbesinnung auf originär Christlich-Spanisches
findet man aber gerade hier die Spuren jener Kulturen wieder, derer sich
Spanien eigentlich entledigen wollte: Rhythmik und Form aus dem Arabischen und
Emotion und Melancholie aus dem Jüdischen. Eine selbstgebaute „Falle“ also, die
irgend wie an die aktuelle Debatte über die „Leitkultur“ erinnert.
Ein dritter Schwerpunkt in unserem Programm sind Lieder der spanischen Juden,
die sich selbst „Sepharden“ nannten. Viele von ihnen waren als „Conversos“ zum
christlichen Glauben übergetreten - misstrauisch verfolgt von der Inquisition, die
ihnen das grundsätzlich nicht abnahm. Die sephardische Musiktradition ist infolge der
mündlichen Überlieferungstradition sehr fragmentarisch. Die Stücke sind daher
rekonstruiert auch aus sephardischen Auswanderungsgebieten wie Nordafrika, Italien
und vor allem aus der heutigen Türkei. Die sephardische Kultur bediente sich eines
eigenen spanischen Dialektes, der in der Romanistik „Judenspanisch“ heißt.

1998 und 1999
L’Amfiparnaso“
Madrigaloper von Orazio Vecchi

Presse: „Nix wie hin“ (taz Bremen), die „madrigalen Freaks“
(Die Norddeutsche) sind wieder da!
Anfang des Jahres 1998 spielten das westend und das Blaumeier Atelier ihre
Madrigaloper „L’Amfiparnaso“ vier mal in Bremen (Kirche Unser Lieben Frauen) vor vollständig ausverkauften Häusern. 
Weitere Aufführungen in Vegesack (Bürgerhaus), Bremerhaven (Theater im Fischereihafen) und in Rotenburg (Stadtkirche).
Die Madrigaloper von Orazio Vecchi stammt aus dem Italien des späten 16.
Jahrhunderts. Madrigalopern gehören zu den seltsamsten Blüten des Musiktheaters,
und wahrscheinlich dürfte die ganze Gattung in Bremen ihre Erstaufführung haben.
„L’Amfiparnaso“ ist ein Wortspiel; es könnte wohl „rund um den Parnaß“ als Sitz der
Dichtermusen bedeuten. Gleichzeitig könnte das umgangsprachliche italienische Wort
„parnaso“ gleich „veräppeln, verarschen“ gemeint sein. Tatsächlich spielt die
Madrigaloper auf sehr unterhaltsame und witzige Weise mit verschiedenen
Kunstformen: Das Figuren-Arsenal der Commedia dell’arte spielt zwar auf, aber nicht
verbal. Die vierzehn Szenen der Commedia werden textlich und dialogisch in vierzehn
vollendeten und geistreichen fünfstimmigen Madrigalen gesungen und musiziert. Die
Schauspieler spielen die jeweiligen Szenen in Halbmasken und Kostümen gleichzeitig
zur Musik, wobei ein Erzähler in die jeweilige Szene einführt.
Der Inhalt: Der alte Pantalone wirbt um die leichtlebige Hortensia, die ihn mit
Beschimpfungen, die das Ausschütten eines Nachttopfes nachahmen, zurückweist.
Der wirre Dottore Graziano bekommt Pantalones Tochter versprochen. Zwei
Liebespaare finden nach vielen Wirren zueinander. Der spanisierende Hagestolz
Capitan Cardon umwirbt Isabella. Zum Schluss bekommen alle das ihre. Dazwischen
tummeln sich zahlreiche Diener, die ihren Herren die Worte im Mund verdrehen und
sich durch gespielte Dummheit und Fresslust auszeichnen.
Die fünfzehnköpfige Halbmaskengruppe des Blaumeier Ateliers erarbeitete die
Figuren- und Szenenentwicklung zur Musik mit dem Musiker und Regisseur Marcello
Monaco, der früher am „Teatro Nucleo“ in Ferrara tätig war. Jeder Schauspieler hat
seine Maske nach eigener Empfindung und inspiriert durch Rolle und Musik selbst
gebaut.
Musikalische Realisation durch das dreizehnköpfige Bremisch-Bremerhavener Vokalensemble „ALLA BREMA“ begleitet von einem Instrumentalensemble mit Chitarrone, Viola da gamba und Cembalo.

Einstudierung und musikalische Leitung: Hartmut Emig

1998
...mit all den Stacheln
Hanns Eisler Tage in Bremen vom 3. bis zum 6. Juli 1998
Zum 100. Geburtstag

Ein Projekt der Universität Bremen, Haus im Park und der Kulturwerkstatt westend in Kooperation mit der Musikschule Bremen und der Hochschule für Künste

(Eisler Hanns, Komponist, * 6. 7. 1898 Leipzig, † 6. 9. 1962 Berlin; Bruder von Gerhart Eisler, Sohn von Rudolf Eisler; begann als Schüler von A. Schönberg radikal avantgardistisch, engagierte sich in der Folge immer mehr politisch; schrieb Musik für Theaterstücke B. Brechts.)
Innerhalb dieses Projektes wurden als Beitrag der Kulturwerkstatt westend im Haus im Park folgende Werke Eislers für gemischten Chor aufgeführt:
VIER STÜCKE, op. 13
AUF DEN STRASSEN ZU SINGEN, op. 15
LITURGIE VOM HAUCH, op. 21 Nr. 1
ÜBER DAS TÖTEN, op. 21 Nr. 2

Wegen der großen musikalischen Herausforderung wurde ein Projektchor von Mitgliedern des Opernchores Theater Bremen verstärkt. Musikalische Leitung: Hartmut Emig

Aufführung während eines Symposions im Haus im Park in Bremen

1997

SÄNGERFELDPOSTBRIEFE“
ein Symposion zur Alltagskultur des Dritten Reiches


Der Bremer Historiker Achim Saur hat den Feldpostbriefwechsel zwischen einem
Bremer Vorstadt-Gesangsverein und seinen Mitgliedern an der Front aus den Jahren
1939 bis 1943 dokumentiert. Auf dieser Grundlage wurden eine Ausstellung und eine
musikalische Aufführung zum Thema vorbereitet. Dieses Konzept war mobil und
konnte an verschiedenen Orten gezeigt werden. Die Eröffnung der von Achim
Saur konzipierten Ausstellung und die Ur-Aufführung des Stückes „leb wohl“ wurden verbunden mit einem Wochenend-Symposion mit den Themen-Schwerpunkten:

Sängerfeldpostbriefe Referent: Achim Saur (Kulturladen Pusdorf)
Der Musikalische Alltag Referentin: Dr. Dorothea Kolland (Kulturamt Berlin- Neukölln): Das Wehrmachts-Wunschkonzert
Bilder vom Krieg (in den Köpfen) Referentin: Dr. Inge Marßolek (Uni Bremen)
Nazi-Komponisten im Bundesdeutschen Nachkriegs-Schulliederbuch

Referent: Hartmut Emig

Das Symposion stand im Zusammenhang mit der geplanten
Wehrmachtsausstellung und war eine Kooperation der Kulturwerkstatt westend mit
dem DGB und dem Kulturladen Pusdorf. Es wendete sich an eine überregionale
Öffentlichkeit und dabei besonders an Mitglieder von Chören und andere kulturell
und historisch Interessierte. Auswärtige Teilnehmer wurden auf die Möglichkeit des
Besuchs der Wehrmachts-Ausstellung vor dem Symposion hingewiesen.

Zum Konzept der Aufführung SÄNGERFELDPOSTBRIEFE:
Die vorliegenden Dokumente wurden in Ausschnitten gelesen und konfrontiert mit
den „Hits“ der Männerchorliteratur aus dem Anfang der Vierziger Jahre. Der Gesang
wurde von einem Männerstimmen-Quartett des Bremer Opernchores vorgetragen.
Zusätzlich wurde das neu komponierte Stück „leb wohl“ des Bremer Komponisten Uwe Rasch eine zusätzliche Reflektionsebene hergestellt. Diese drei Elemente werden zu einer Gesamtperformance montiert.

Werkkommentar „leb wohl“ für Blockflötenensemble von Uwe Rasch
„leb wohl“ ist Musik mit einem musikalisch leeren Zeichen: Totentanz. Das Material
bildet weder Kontraste noch Metamorphosen aus, sondern nur Metastasen aus
Selbstähnlichkeit: Nachhall von Beginn an; ein Stück, das sich überlebt und nur aus
kraftlosen Verendungen besteht. Tod als kontinuierlicher, wenn auch nicht linearer
Ausblendungs- und Blackout-Vorgang: blass und retardierend, siechend als Echo
eines Echos.

Projektleitung Hartmut Emig



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